Von Fakten zu gelebtem Wissen – Ein Barcamp zur Klimakrise (German)
Der globale ökologische Notstand von Klima-, Biodiversitäts- und Vermüllungskrise schreitet rapide voran. Die planetaren Grenzen werden deutlich überschritten, die Lebensgrundlage von Menschen, Tieren und Ökosystemen zerstört. Eklatante Ungerechtigkeiten durch koloniale, kapitalistische und diskriminierende Strukturen nehmen stetig zu, nicht zuletzt zu Lasten zukünftiger Generationen. Und doch sind die Maßnahmen von Politik und Wirtschaft unzureichend oder werden gar torpediert. Die ökologische Krise zeigt sich zugleich als eine politische sowie als Krise der Verhältnisse von Wissen, Imagination und Handeln. Wie lässt sich die Dringlichkeit zu handeln in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern besser vermitteln? Wie kann ein anderer ›Lebenszyklus‹ von Wissen und Handeln aussehen?
Zugleich sind die Werte einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft zunehmend in Gefahr. Angesichts der Realität der Klimakrise verbreitet sich eine neue Art der Leugnung: Anstelle der Datenlage werden der Sinn und die Umsetzbarkeit vorhandener Lösungsvorschläge angezweifelt und vor allem Klimaforscher:innen und Aktivist:innen selbst attackiert und persönlich diffamiert. Wie können Wissenschaft, Aktivismus, Medien und Künste im aktuellen gesellschaftlichen Klima dazu beitragen, den tipping point zu rechtspopulistischer Gewalt und Abschottung zu verhindern und stattdessen eine nachhaltigere, offenere und vor allem gerechtere Zukunft mitgestalten?
Was brauchen…?
Wissenschaftler:innen, um die Dringlichkeit der Klimakrise in den Medien und Künsten wirkungsvoller darzustellen?
Aktivist:innen, um die Solidarität mit ihren Anliegen zu vergrößern?
Journalist:innen, um der Krise innerhalb der Nachrichtenzyklen besser Geltung zu verschaffen?
Künstler:innen, um aus Daten und Fakten spürbare Interventionen in unsere Erfahrungsräume und Wahrnehmungsweisen zu gestalten?
Um diese und weitere Fragen zu diskutieren, haben sich am 22. November 2024 Akteur:innen aus Wissenschaft, Kunst, Aktivismus und Journalismus bei einem vom Sonderforschungsbereich Intervenierende Künste organisierten Barcamp im Change Hub in Berlin Mitte zusammengefunden. Ziel der Veranstaltung war es, ein möglichst heterogenes Publikum mit einem breiten Spektrum an persönlichen Erfahrungen, fachlichen Hintergründen, Arbeitskontexten und Zielsetzungen in einen produktiven Austausch zu bringen. Gesprochen wurde unter anderem über folgende Themen:
Phasen der Latenz sind in der Klimabewegung besonders prekär, da sich das Problem währenddessen weiter verstärkt. Welche Strukturen braucht es, um in der Latenzphase zu überwintern und Phasen vorzubereiten, in denen Menschen wieder aktiver sind?
Nachhaltige Strukturen, Organisationen sind oft beständiger; Entscheidung zwischen Schaffung neuer oder der Erhaltung alter Strukturen → situationsabhängig
Tendenz, Räume zu schaffen, statt in Aktion zu treten
Care Work besonders wichtig
Fokus auf das Lokale und auch virtuelle Räume
Dennoch: Impulse wurden in vielen gesellschaftlichen Bereichen aufgenommen
Bedeutung von Bündnissen: Klimabewegung kann verbindendes Glied sein → z.B. Demos gegen Rechts
Wieso sinkt das Interesse?
kein Problem fehlender Informationen/Informationsvermittlung, sondern struktureller Mechanismen und konkurrierender Interessen, die Diskurse einschränken und verhindern
Framing: »Reiche, von Eltern finanzierte Studierende machen etwas, das für arme Menschen, die ihr Brot verdienen müssen, nicht relevant ist«
Wie können wir Strategien entwickeln, um Wichtigkeit zu vermitteln und gleichzeitig Strukturen bearbeiten?
Strikte Trennung zwischen Aktivist:innen und anderen Menschen (die ab und an auf Großdemos gehen) nicht wirklich vorhanden
Strukturen auf anderen, nicht-aktivistischen Ebenen etablieren, um Aktivist:innen zu entlasten
Warum sind die Naturschutzverbände nicht größer geworden? Warum können sie nicht die Rolle von Aktivist:innen übernehmen?
Fehlender Grundkonsens darüber, dass z.B. Politik nicht im Interesse von RWE handeln muss, oder Gewalt gegen Klimaaktivist:innen abzulehnen ist, Mobilisierungskraft gegen Aktivismus enorm groß, Kulturkampf
»Polykrise«
Fokus liegt auf der wahrgenommenen, statt auf der tatsächlichen Krise
Warum wird die Klimabewegung nicht als Gerechtigkeitsbewegung gesehen?
→ Schutz von Selbstbild und Identität
Social Media: gelungener Aktivismus, geöffnete Bubbles vs. Anti-Aktivismus und Ignoranz
Fehlender Konsens in den Geisteswissenschaften über die Relevanz von Klima
Starke Anti-Wissenschaftsbewegung
Wie können Informationen verifiziert werden? Wie kann gegen Falschinformationen sensibilisiert werden?
Informations- und Recherchekompetenz:
Fußnoten nachgehen, Texte verifizieren, Zitaten nachforschen, Paraphrasen verstehen, wo liegen die feinen Unterschiede, Angemessenheit der Quelle für das Thema identifizieren (Formal/Inhaltlich?)
Techniken? Absichten der Darstellung? Tendenziöse Formulierungen? Framing? (vgl. Plattform Skeptical Science)
Erkenntnis: Von der Intuition (falsch/richtig/komisch/gut) zur Fragestellung (Bedürfnis der Auseinandersetzung/Verifikation) hin zur Eigeninitiative (Recherche/Austausch)
Machtstrukturen kennenlernen
Sprache (z.B. warum sind Forschungspaper häufig auf Englisch?)
Publikationsmedium (Vertrauenswürdigkeit, z.B. Springer,...)
Kontexte und Hierarchisierungen (kultureller Hintergrund, westlich zentriert, (fehlende) Intersektionalität,...)
Eine Vernetzung der Universitäten und der Freien Kulturszene in Bezug auf Klimagerechtigkeitsfragen ist bisher kaum präsent. Das liegt unter anderem auch daran, dass die künste-, medien- und gesellschaftswissenschaftlichen Institute die Klimakrise zu wenig ins Zentrum rücken. Der Begriff der Klimakultur kann helfen, hier ein anderes Selbstverständnis zu entwickeln und die Zurückhaltung aufzugeben, man habe keine Expertise in naturwissenschaftlicher Klimaforschung.
Die Freie Szene ist per se darauf angewiesen, sich immer wieder projektbasiert über sehr verschiedene Kooperationen zu finanzieren. Private Geldgeber:innen ermöglichen mehr Flexibilität, generieren aber Abhängigkeiten und ungewisse Verstetigungsperspektiven. Nicht selten ist Sponsoring auch problematisch, da die Grenze zum Greenwashing nicht klar gezogen werden kann. Zugleich führt private und privatwirtschaftliche Förderung dazu, dass sich die öffentliche Hand immer weiter aus ihrer Verantwortung zurückzieht.
Welche Möglichkeiten für Transferprojekte und Synergien können die Universitäten anbieten?
Welche neuen Institutionalisierungen ermöglichen eventuell langfristige Planbarkeit? Welche Strukturen bieten sich innerhalb/außerhalb/zwischen den universitären Strukturen an (z.B. Kollektiv Klasse Klima)?
Angesichts der allgemeinen politischen Entwicklung, die immer offener sowohl kultur- als auch wissenschaftsfeindlich ist, werden die Mittel immer weniger und zugleich wird Solidarität untereinander immer wichtiger
Welche Rolle spielen Aktionen wie Besetzungen, Blockaden, bemalte Gebäude? Was ist die Aufgabe von Aktionen? Aufmerksamkeit generieren, Informationen verbreiten, Verständnis herstellen? Ergibt diese Trennung überhaupt Sinn?
Zersplitterung in der Bewegung und Abgrenzung; unterschiedliche Anliegen und Ansätze (Letzte Generation z.B. will explizit nicht gefallen); brennende Mülltonnen kommen in die Nachrichten, aber ist wirklich jede Publicity gute Publicity?
→ Protestcamps wichtig zur Vernetzung; es gibt nicht die eine Bewegung, die alles schafft; Diversität ist notwendig
Wandel in der Wahrnehmung durch die Gesellschaft vom Standpunkt »radikale Aktionen gehören dazu« hin zu einerseits Gewöhnung, andererseits Forderung nach rechtlichen Konsequenzen bei »zu disruptiven« Aktionen
Disruptive Aktion ist nicht gleich disruptive Aktion. Die Wirkung ist auch abhängig von den erzeugten Bildern:
Letzte Generation: Anliegen nicht gut über Bilder vermittelt (Vergleich: Milch im Supermarkt ausschütten, damit Menschen keine Milch mehr kaufen)
Ende Gelände: Menschen gegen Bagger → starke Bilder
Lützerath: alle aus der Klimabewegung waren im Moment der Räumung vertreten → breite mediale Aufmerksamkeit
Räumung der Waldbesetzung bei Tesla; Pipelines → wenig Berichterstattung; Strategien, die Berichterstattung unterbinden oder hohe Strafzahlungen
→ Bilder sind kein Selbstzweck, sondern funktionieren nur in Verbindung mit einer Erzählung oder einer erklärbaren Logik. Bilder können zudem gegen die Bewegung genutzt werden, es entsteht der problematische Vorwurf gegenüber der Bewegung, falsche Bilder zu (re)produzieren. So bleibt die Kritik an der Form des Aktivismus hängen und beschäftigt sich nicht mit adressierten Inhalten.
Welche Rolle spielen die Medien?
Institutionelle Zwänge; strukturell andere Formen des Austausches neben der Pressemitteilung nötig
Reichweitenproblematik: Aktionen scheitern, wenn sie keine Aufmerksamkeit generieren
Kann Wissenschaft die Erzählung unterstützen? Worin besteht die Rolle der Wissenschaft? Bei wem liegt welche Verantwortung? Sollten Wissenschaftler:innen dafür ihren Bereich verlassen?
Unterstützung der Letzten Generation aus der Wissenschaft hat in Österreich gut funktioniert, in Deutschland nicht
Unter anderem Wissenschaftler:innen und Journalist:innen riskieren ihre Legitimität
→ kostet viel Kraft, sich als öffentliche Person dem entgegenzustellen; viel zu verlieren; Kriminalisierung
Was bedeutet es, aktivistisch zu arbeiten? Ist das immer mit Öffentlichkeit verbunden? Wie können Wissenschaft und Aktivismus zusammen gedacht werden?
Aktivismus auf verschiedene Ebenen ausweiten→ activist research; Konzepte, die anonymisiertes Arbeiten in Wissenschaft/Journalismus ermöglichen
Selbstreflexion in der Wissenschaft, Zeitdruck, Ohnmachtserfahrung
Selbstwirksamkeit und Einfluss in der Lehre (Gruppe: Klima und Lehre)
→ Gemeinschaft und kultureller Wandel
Notwendigkeit von Vernetzung, Solidarität, Anerkennung und kritischem Austausch
Wie wird Wissen in der Lehre weitergegeben?
Alter beachten
Schritt-für-Schritt Erläuterungen
Künstlerisch (Theater, z.B. Dokumentarisches Theaterstück Klima-Monologe, Heimathafen Neukölln)
Spielerisch (Apps, Gruppensimulationen)
Konkretheit in der Darstellung: Was bedeuten die globalen Veränderungen konkret, vielleicht auch individuell?
Verbindung z.B. mit Spracherwerb: Spannender Unterschied des Wissenserwerbs von bspw. Englischunterricht zu Ethikunterricht o.ä.
Wichtig: Wissenstransfer/-vermittlung wird im akademischen Kontext oft nicht ausreichend anerkannt, die Aufbereitung von Forschung steht nicht im Fokus, sondern Wissenschaftler:innen sind oft gezwungen, ihre Zeit vor allem auf Publikationsdichte u.ä. zu konzentrieren.
Oft stehen strukturelle Probleme der Teilhabe aktivistischen Prozessen im Weg
Wie verstehe ich mich selbst als (aktiven, bedeutungsvollen) Teil der Gesellschaft? Wie adressiere ich Menschen, die sich selbst nicht für Aktivismus interessieren?
→ Aktivismus ist sehr viel (häufig unsichtbare) Beziehungsarbeit; strukturell bedingte Überlastung macht Öffnung schwierig; eingeschworene Gruppen sind anders arbeitsfähig
→ Öffnung/Schließung nicht so streng getrennt denkenKlimaaktivismus-Bubble ist verhältnismäßig öffentlich: Wie schützen wir Menschen, die für bestimmte Themen bekannt sind? → Solidarität
Wie erreichen wir bereits aktive Personen?
→ Fehlende Festigung von Zusammenhängen, wobei die Klimabewegung bereits stärker gefestigt und in Strukturen organisiert ist als z.B. Antifa, queere Bewegungen
Der nachhaltige Aufbau aktivistischer Strukturen und die nachhaltige Einbindung von Menschen ist aufwändig und herausfordernd. Wie können (andere) Formen der Zusammenarbeit aussehen und Differenzen besser ausgehalten werden? Welchen Einfluss hat die mediale Darstellung darauf?
Öffnung kann auf verschiedenen Ebenen – privat, im Arbeits- oder institutionellen Kontext, politisch/gesellschaftlich – stattfinden und hängt eng zusammen mit der Frage nach der Transparenz/Intransparenz von Strukturen.
Wie durchbricht man Blockaden (bei Gesprächen)?
Wie kann man mit einer Situation der Schließung umgehen? Welche Rolle spielt das Framing der Klimabewegung (in der Vergangenheit)? Wie kann das Thema dennoch weitergetragen werden?
→ Anti-Aktivismus in den Sozialen Medien: »Aktivismus bringt nichts und das liegt am Aktivismus selbst«; These des übermächtigen Gegners; »System Change, not Climate Change!«
Welche Rolle kann Protest bei der Öffnung spielen? Wie kann man in den eigenen Aktionen kreativ mit gesellschaftlichen Grundlagen der Schließung umgehen? → Spannungsfeld zwischen Wohlgefallen und Disruption
Welche Rolle könnten Medien in der Transformation spielen?
→ Medienkompetenz; wirtschaftliche Eigeninteressen von Medienhäusern; Fokus auf Schlagzeilen z.B. bei Attac; selbstorganisierte Vermittlungsstrukturen als Möglichkeit der Öffnung
Frage der Adressierung: Öffnung heißt nicht immer Öffnung für alle
Klima gilt als linkes Thema, was die Öffnung hin zu einem Verständnis als gesamtgesellschaftliches Thema erschwert
Zu Demonstrationen gehen linke Menschen; Konservative verstehen Protest nicht als ihre Form sich politisch zu artikulieren
Beispiel: Beim Chaos Computer Club findet sich auch ohne Oberthema eine diverse Gruppe zusammen
Klima wird zur Demokratiefrage und dient als Marker zur Selbstverortung im politischen Spektrum; statt über Inhalte zu sprechen, geht es um Identität und Ideologien
Wahrnehmung, Kommunikation und Handlungsspielräume
Die Vermittlung der Klimakrise hängt stark von Sprache, Bildern und Narrativen ab, da Klimagerechtigkeit einen emotionalen Zugang erfordert. Wer nicht unmittelbar betroffen ist, nimmt die Krise oft weniger drängend wahr, da räumliche und zeitliche Distanz ihre Priorisierung beeinflusst. Gleichzeitig zeigt sich in abstrakten Debatten über Raum und Körper ein Privileg: Während einige philosophisch diskutieren, kämpfen andere um ihre Lebensgrundlagen. Dennoch kann abstraktes Denken ein Ausgangspunkt für Handeln sein – die Herausforderung besteht darin, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern echte Betroffenheit zu erzeugen.
Wie schaffen wir Nähe zu globalen Klimakrisen? → Klimagerechtigkeit braucht emotionalen Zugang
Gespräche über Körper und Raum auf abstraktem Level spiegeln Privilegien wider → Wer kann es sich leisten, abstrakt über Raum zu reden?
Abstrakte/Philosophische Auseinandersetzung kann einen Ausgangspunkt darstellen → Philosophie als Startpunkt für Handeln
Temporale Distanz zum Klimawandel führt dazu, dass er nicht als drängend wahrgenommen wird → Hierarchisierung/Priorisierung von Krisen durch direkte Wahrnehmbarkeit
Auch im Kulturbereich ist die Klimakrise oft noch ein technisches Problem oder eine isolierte Thematik. Dies zeigt sich etwa in dem Netzwerk Culture4Climate oder dem Netzwerk Primal Green, in denen die Reduktion der eigenen Emissionen und anderer Umweltfolgen im Vordergrund steht und eine inhaltliche Verstrebung mit allen kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen zurücksteckt. Dabei wäre auch hier eine Bündelung von Informationen und Expertisen sinnvoll, um wichtige Projekte zu starten und sichtbarer zu machen.
In der Diskussion kam der Wunsch nach einer Plattform auf, in der
einzelne Kulturschaffende ihre Kompetenzen und thematischen Expertisen für Kooperationen anbieten und Partner:innen finden können, ähnlich wie es auch das Netzwerk Klimajournalismus anbietet
aktuelle Ausschreibungen und Fördermöglichkeiten, Informationen zu Stiftungen etc. geteilt werden
Einstiege und Beratung für die Antragstellung angeboten werden
Spezifikation der Fragestellung / Heutiger Erkenntnisbedarf
Neue Praktiken der Informationsweitergabe kennenlernen und sich darüber austauschen: von den verschiedenen Themenfeldern und Erfahrungen profitieren
Strukturelle Hürden hinsichtlich des Wissenserwerbs, z.B. Zeit (sich (nicht) intensiv mit Quellen auseinandersetzen können): Souveränität in Wissenserwerb und Quellenverifikation erlernen und Kriterien besprechen
Was sollten andere Säulen in der Wissenschaft sein, neben der Publikationsflut? (Stichwort Aufbereitung)
Bewusstsein über eigene Privilegien fördern und lernen, »aus der Bubble heraus« zu kommunizieren (Wording, Framing, Interaktionsmöglichkeiten, Aktivitäten, Medium)
Begrifflichkeit des Raumes / Sichtbarkeit
Der Körper ist untrennbar mit Land und natürlichen Ressourcen verbunden, da er durch Nahrung, Wasser, Luft und Raum geformt wird. Dennoch wird Selbstfürsorge oft von Umweltschutz getrennt betrachtet, obwohl landwirtschaftliche Praktiken und Ernährungspolitik direkte Auswirkungen auf Körper und Gesundheit haben. Im kapitalistischen Zeitregime bleibt wenig Raum für Regeneration und naturnahe Körperpraktiken, da sie nicht produktiv verwertbar sind. Gleichzeitig kann der Körper durch Bewegung, Protest oder Aktivismus Sichtbarkeit schaffen und politische Bedeutung erlangen, wodurch er nicht nur geformt wird, sondern auch seine Umwelt aktiv mitgestaltet.
Körper/Raum/Erde/Embodiment → Die Verbindung zwischen Körper und Land ist grundlegend: Der Körper existiert nicht unabhängig von der Erde, sondern wird durch sie geformt
Natur und natürliche Ressourcen bedingen und ermöglichen den Körper, formen aber auch den Raum → Land und Umwelt bestimmen, wie Körper existieren können
Lebensmittel, die den Körper formen, fordern Raum auf dem Planeten → Landwirtschaft, Ernährung und Ressourcennutzung beeinflussen den Körper direkt
Warum kümmern wir uns um den Körper, aber nicht um unsere Ökologie? → Eine Trennung zwischen Körperpflege und Umweltpflege ist künstlich, zumal der Körper naturgegeben, naturverbunden ist
Renaturierung des Körpers ist zeitlich aufwendig und wird vom System nicht propagiert → Regeneration, Ruhe und naturnahe Körperpraktiken haben im kapitalistischen Zeitregime keinen Platz
Stichwort Performanz → Die Art und Weise, wie Körper im Raum agieren, beeinflusst ihre Sichtbarkeit und politische Bedeutung, vgl. auch Aktivismus
Womit lassen sich interdisziplinäre Kooperationen etablieren und verstetigen? Es sind einige Sollbruchstellen und neuralgische Punkte diskutiert worden, anhand derer man das nicht nur von der institutionellen Seite her, sondern auch inhaltlich neu denken kann:
Wie erreichen kulturelle Angebote zur Klimakrise auch ein neues Publikum? Wie lassen sich eventuell vorhandene Abwehrmechanismen überwinden oder umgehen? Hier bietet das Format des Festivals evtl. Möglichkeiten, um andere Adressierungen auszuprobieren (vgl. Climate Cultures Festival, Green Visions Potsdam).
Klimakommunikation muss sich durch ihre vielfältigen Konkretisierungen und Anschlussstellen interdisziplinär und alltagsnah definieren, um dadurch auch anhaltender wahrgenommen zu werden. Nicht mehr »Klima« sondern immer »Klima und X« (=Gesundheit, Bauen, Design, Mobilität, Arbeit, Gerechtigkeit, Ernährung, politische Teilhabe etc.). Dies heißt nicht zuletzt, auch akademisches Forschen und Schreiben immer als Beitrag zu nature/climate writing zu reflektieren.
Klima aus kultureller Perspektive zu betrachten, bedeutet nicht nur, lokale Veranstaltungen immer in globalen Zusammenhängen zu denken, es bedeutet auch, interkulturelle Verständigungsprobleme, Konflikte und Inkommensurabilitäten im Blick zu behalten. Daher wird es auch immer wichtiger, kuratorische Projektarbeit möglichst divers zu besetzen.
Es wurde im Rahmen des Barcamps der konkrete Vorschlag gemacht, ein Festival zu Grünem Kolonialismus und Indigenen Energiekämpfen zu veranstalten (denn die von vielen Staaten verfolgte Strategie, den Bedarf an erneuerbaren Energien vor allem durch Solar- und Windparks allein auf Indigenen Territorien zu decken oder Naturschutz als Verdrängung autochthoner Gruppen zu betreiben (Kampagne Survival International Conservation), gehört zu solchen Konflikten und Inkommensurablitäten, denen wir uns stellen müssen).
Künstlerische Praktiken, die sich selbst als primär aktivistisch verstehen, sind oft mit verschiedenen Barrieren konfrontiert:
Viele Förderinstitutionen sind ihnen gegenüber skeptisch eingestellt
Sie werden oft nur innerhalb geschlossener Blasen rezipiert und erreichen nur selten weite Öffentlichkeiten
Viele potentielle Rezipient:innen nehmen Aktivismus stark als konfrontativ wahr – auch wenn man argumentieren kann, dass es in der Adressierung von Ungerechtigkeiten eben kein Recht auf Komfort gibt
Innerhalb aktivistischer Kreise gibt es die Angst vor Fehltritten und eine mangelnde Solidarität über verschiedene Akteursgruppen hinweg
Wo wird Wissen erworben (bevor es weitergegeben wird)?
Spielerisch:
Apps (z.B. App Cranky Uncle): Fakten können so, wie sie aus der Forschung hervorgehen, nicht vermittelt werden, daher spielerischer Vermittlungsansatz sinnvoll
Zu beachten: Adressat:innenenkontext (Alter)
Journalistisch:
Quellenarbeit der journalistischen Aufbereitung: Gap zwischen Wissensproduktion und Wissenskommunikation
Zu beachten: Glaubwürdigkeit des Mediums / Fact Checking
Multimodale Wissenschaftskommunikation:
Wissen verstehen und verständlich aufbereiten, z.B. MaiThink X, Climate Media Factory
Zu beachten: Frage nach den Möglichkeiten (Reichweite, Finanzierung, Vertrauen)
Der Körper als Politikum
Krisen wirken direkt auf den Körper ein – sei es durch Erschöpfung, politische Kämpfe oder systemische Zwänge. Gleichzeitig ist der Körper nicht nur betroffen, sondern auch ein Ort des Widerstands, etwa durch Aktivismus, Performanz oder kollektive Praktiken. Kapitalistische Strukturen verwerten ihn als Ressource, indem sie Schönheits- und Gesundheitsideale zur Steigerung von Produktivität und Profit nutzen. Doch gerade in der Entkopplung von Leistungslogiken kann Selbstfürsorge zu einem widerständigen Akt werden, der zeigt, dass Erholung und Protest untrennbar miteinander verbunden sind.
Körper als Schnittstelle zwischen abstraktem und konkretem Nachdenken über Gesellschaft, Konsum, Benachteiligung → Der Körper als Ort, an dem Krisen spürbar werden
Im Körper beginnt und endet die Politisierung des Individuums
Der gesunde Körper als profitabel für das System → Normative Schönheitsideale dienen als funktionale Anforderung, um längerfristig kein Defizit im System zu werden → Kapitalismus nutzt den Körper als Ressource → Wie wird Selbstfürsorge dann zu einem rebellischen, anti-kapitalistischen Akt?
Where do we find joy in the body? Collective Rest Practices | Collective Grief Practices | Depression → Resilienz durch kollektive Praktiken
Müdigkeit des Körpers erzeugt Müdigkeit der Resonanz → Wer erschöpft ist, kann nicht kämpfen (Stichwort »Understanding Rest«)
Körperliche und mentale Energie (Raum?!) haben, zu reflektieren und sich auszutauschen → Privileg, sich überhaupt mit Krisen auseinanderzusetzen → (Wie) Beeinflusst das die Produktivität der Auseinandersetzung?
Privileg / System / Konsum / Bedürfnis
Globale Machtverhältnisse und kapitalistische Strukturen verankern Ungleichheit, sodass individuelle Lösungen nicht ausreichen – ein grundlegender Systemwandel ist notwendig. Besonders im Globalen Norden stellt sich die Frage, wie privilegierte Personen reflektieren und Ressourcen gerechter verteilen können. Konsumverzicht kann ein Zeichen des Widerstands sein, doch unser Bedürfnis nach »Mehr« ist tief in sozialen und wirtschaftlichen Strukturen verankert. Da die Krisen des Globalen Südens oft abstrakt bleiben, erfordert echte globale Gerechtigkeit nicht nur Wissen, sondern auch eine emotionale Verbindung und die Demokratisierung von Entscheidungsmacht.
System Change is needed – Kapitalismus als strukturelles Problem → Individuelle Lösungen reichen nicht, strukturelle Veränderungen sind notwendig
Wie können privilegierte Personen reflektieren, weniger haben, sodass andere mehr haben? → Globale Umverteilung als ethische Herausforderung
»Taking choices from politics«, kollektive Aneignung von Entscheidungsmacht und Einfluss → Demokratisierung von Ressourcen
Protest durch Konsumverzicht – Bedürfnis nach Konsum hinterfragen → Widerstand durch Nicht-Konsum, Bewusstsein für Überkompensation und Mangel entwickeln: Wie/Wodurch ist unser Bedürfnis nach “Mehr”, nach Konsum verankert bzw. ausgelöst?
»Distant Empathy« (Malcom Ferdinand) → Wie schaffen wir Nähe zu globalen Klimakrisen? → Empathie für den Globalen Süden oft abstrakt und daher nicht konkret (genug)
Empathie kann nicht über Wissen, sondern muss über Gefühle generiert werden → »What do I know and what do I feel?«
Sozialisation (Impact) / Empathie
Machtverhältnisse bestimmen, welche Körper Zugang zu Raum haben, sichtbar sind oder unsichtbar bleiben. Raum ist nicht neutral, sondern durch Rassismus, Kolonialisierung, Gender und Klasse strukturiert, sodass einige Körper selbstverständlich präsent sind, während andere ihre Sichtbarkeit erkämpfen müssen. Wer Raum beansprucht, stellt damit auch bestehende Machtstrukturen infrage – die zentrale Frage bleibt, ob Räume aktiv geschaffen oder verteidigt werden müssen und wer über ihre Zugänglichkeit entscheidet.
Welche Körper befinden sich im Raum, welche werden relevant? Einfluss von Rassismus, Kolonialisierung, Gender, Klasse → Wer hat das Recht auf Raum?
Sichtbarkeit schaffen vs. Sichtbarkeit ermöglichen → Räume einnehmen vs. Räume für andere öffnen
Raum erschaffen vs. einnehmen → »Taking space with the body in public is about dominance, privilege, and decision making« → Wer hat die Möglichkeit, Raum sichtbar zu beanspruchen? Rolle der (Selbst-)Ermächtigung
Accessibility / Finanzierbarkeit marginalisierter Gruppen im Berliner Raum → Wer kann sich Raum leisten? Wie können z.B. marginalisierte Gruppen Raum einnehmen, wie wird Sichtbarkeit geschaffen? → Sichtbarkeit schaffen vs. Sichtbarkeit ermöglichen!
Empathie hat keine Reichweite, wenn keine Berührungspunkte bestehen → Ohne Nähe bleibt Klimakrise abstrakt
Space or Place / Safe Space / The Public / Wer beeinflusst den Raum, wer nimmt ihn ein und beeinflusst ihn?→ Die Frage, ob Räume aktiv geschaffen oder verteidigt werden müssen, ist zentral
Opening a space vs. Holding a space (open) → Machtstrukturen in der Raumgestaltung
Auch diese Veranstaltung hat es nicht geschafft, eine große Beteiligung von Personen außerhalb einer wenig diversen, akademischen Community zu erreichen. Wie müssen wir anders kommunizieren, um BiPoC, Nicht-Akademiker:innen und andere Menschen mit verschiedenen Kompetenzen und Hintergründen zu adressieren und Räume (Stichwort Save Spaces/Brave Spaces) zu gestalten, in denen wir uns ohne Barrieren, Hierarchien und Diskriminierungen begegnen und konkrete Zusammenarbeit möglich ist?
Sowohl auf Ebene einzelner Projekte als auch von Institutionen bleibt die Frage bestehen, wie wir zusammenkommen und wie wir auch Menschen aktiv in die Positionen bringen, die wir selber besetzen?
Wie können Wissenschaft, Aktivismus, Künste und Journalismus zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Bündnis für mehr Klimaschutz und Klimagerechtigkeit zu bilden? Wie lässt sich die Dringlichkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern gemeinsam besser vermitteln? Wie können Vermittlungsangebote auf unterschiedliche Öffentlichkeiten angepasst und zugleich eine Durchlässigkeit zwischen diesen pluralen Öffentlichkeiten hergestellt werden?
Welche Szenarien können in den Medien und Künsten im Vordergrund stehen, welche Emotionen evoziert werden für eine breitere Zustimmung zum Klimaschutz und eine größere Mobilisierung gegen die fossile Industrie?
Wie können wir wissenschaftliche Erkenntnisse stärker mit den Perspektiven des gelebten Alltags verbinden? Welche Erfahrungsformen können Medien und Künste entwickeln, um die Abstraktionen und Skalierungen der Wissenschaft mit unserem Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln zu verknüpfen?
Das Format des Barcamps ermöglicht es, die Diskussion flexibel an den Interessen der Teilnehmenden auszurichten. So gab es kein im Vorfeld festgelegtes Programm, sondern einen zeitlichen Rahmen für die vor Ort verhandelten Themen. Die Teilnehmenden fanden sich dazu abwechselnd im Plenum oder in kleinen Gesprächsrunden zusammen. Für diese Kleingruppen wurden zu Beginn des Tages Impulse und Fragestellungen aus dem Plenum gesammelt und unter je einem Stichwort auf Karten notiert. Anschließend stand es allen Teilnehmenden frei, sich an einer der drei parallel stattfindenden Diskussionsrunden zu beteiligen. Jede Runde wurde von der Person moderiert, die das Thema vorgeschlagen hatte. Zusätzlich gab es in jeder Kleingruppe eine Dokumentation des Austausches. In der Bildergalerie finden sich die Stichpunkte zu den einzelnen Fragestellungen, in den Bildunterschriften ein Einblick in die jeweilige Diskussion.
Wie geht es weiter?
Wir, die Organisator:innen des Barcamps, sind nicht davon ausgegangen, dass die vielen Fragen, die wir uns stellen wollten, an einem Tag beantwortet werden können. Es sind vielmehr neue dazugekommen. Stellvertretend dafür steht die Karte mit dem Stichwort »Umsetzung Klimaschutz«, die zwar als Frage sicherlich in die Diskussionen eingeflossen ist, auf die konkrete Antworten aber noch ausstehen. Auch die globalen und nationalen politischen Dynamiken haben sich seit dem Barcamp eher noch weiter von einer gerechteren und ökologisch nachhaltigeren Welt für alle entfernt. Umso wichtiger ist es, solidarische Netzwerke innerhalb und zwischen den Feldern Wissenschaft, Journalismus und Künste zu stärken. Deshalb ist es uns ein Anliegen, die Arbeit fortzusetzen, weiterhin Räume und Gedanken zu teilen sowie die Impulse des Barcamps in andere Konstellationen zu tragen. Für die medienwissenschaftliche Community gibt es etwa die Möglichkeit, sich im Arbeitskreis Media Climate Justice zu vernetzen, sich gegenseitig zu unterstützen und wertvolle Erfahrungen, Ressourcen und Kompetenzen auszutauschen.
Die hier gesammelten Reflexionen, Einschätzungen und Anregungen sind im Rahmen der Gesprächsrunden zu spontan zusammengestellten Themenbereichen entstanden. Sie wurden von Constanze Albrecht, Klara Beetz und Pablo Trujillo Tobaria protokolliert. Es wurde darauf verzichtet, die einzelnen Fragen oder Aussagen einzelnen Teilnehmer:innen zuzuordnen. Sie sind vielmehr explizit als ein kollektives Ergebnis zu verstehen, das von Constanze Albrecht, Lars Dolkemeyer, Matthias Grotkopp und Yvonne Pfeilschifter für diesen Beitrag formatiert wurde. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Forum Gegenwart des Sonderforschungsbereichs 1512 Intervenierende Künste statt. Sie wurde unter der Leitung des Teilprojekts C05 »Intervenierende Weltentwürfe: Audiovisualität des Klimawandels« durchgeführt.