The contribution »Maria B. Rest in Power! – Recontextualizing the commemoration of fatal police violence in public spaces« was written as part of the block seminar Rethinking Monuments: Ideology, Narratives and Artistic Interventions. The starting point is a specific case that exemplifies a structural problem. Unfortunately, fatal police violence is not an isolated case in Germany. It happens time and again that people who are seen as deviating from the norm are subjected to violence or die as a result of police action. This structural problem needs more publicity. What continuities can be found in German police work when it comes to violence against marginalised people, people with addictions or mental health problems? Who actually controls the police? And how does the public deal with it when people are killed by the police? Maria B. died in her own home on January 24, 2020 after being fatally injured by police officers. In the following text, I would like to show how she has been thought of so far. I would also like to present a way to commemorate her permanently. Maria B., Rest in Power!
English abstract: (Un)Making Monuments – Maria B. Rest in Power!
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(Un)Making Monuments – Maria B. Rest in Power! (German)
Text und Erinnerungskonzept von Ekaterini Elissavet Manias
Am 24. Januar 2020 starb Maria B. mit 33 Jahren in ihrer eigenen Wohnung. Wieso sollten wir ihrer gedenken?
Marias Mitbewohner hatte die Polizei kontaktiert, nachdem sie ihn bedroht haben soll. Maria hatte körperliche Leiden aufgrund von Multipler Sklerose, war suchtkrank und hatte psychische Probleme (vgl. Joswig 2020). Deshalb war es nicht das erste Mal, dass sie sich auffällig verhielt. Obwohl der Mitbewohner sich bei Ankunft der Polizei außerhalb der Wohnung aufhielt, also keine unmittelbare Gefahr mehr für ihn bestand, schossen die Polizeibeamt:innen Maria aus sechs Metern Entfernung in die Brust und verletzten sie dabei tödlich (vgl. KOP Berlin e.V. 2020). Eine vermeintliche Bedrohung mit einem Messer soll der Auslöser für die Entscheidung der Polizist:innen gewesen sein, zu schießen. Obwohl sich Maria in einer psychischen Ausnahmesituation befand, wurde der sozialpsychiatrische Dienst von den Beamt:innen nicht gerufen. Stattdessen entschieden sie sich, mit Schusswaffengewalt gegen Maria vorzugehen. Das Verfahren gegen die vier beteiligten Polizist:innen wurde nach einem Monat eingestellt (vgl. Joswig 2020). Bekannte und Angehörige bezweifeln die Darstellung der Polizei, die aus Notwehr gehandelt haben will. Sie schildern, dass Maria aufgrund ihrer körperlichen Verfassung nicht zu einer ernstzunehmenden Gewaltandrohung gegenüber der Polizei in der Lage gewesen sei (vgl. Christoph/Seydack 2020).
Tödliche Polizeigewalt als strukturelles Problem
Morde in Polizeigewahrsam und Morde an psychisch Erkrankten sind auch in Deutschland keine Einzelfälle. Stattdessen gibt es eine traurige Kontinuität der Institution Polizei als Akteurin für tödliche Gewalt. Seit 1990 wurden im wiedervereinigten Deutschland mindestens 368 Menschen durch polizeilichen Schusswaffengebrauch getötet (vgl. CILIP Chronik Polizeiliche Todesschüsse):
»[I]n den letzten Jahren [ist] deutlich geworden, dass es sich bei den Opfern polizeilichen Schusswaffengebrauchs im Rahmen alltäglicher (schutz-)polizeilicher Einsätze vermehrt um Menschen mit und in psychosozialen Krisen handelt.« (Pütter/John 2025).
Polizist:innen seien im Einsatz häufig mit »Menschen mit offenkundig psychischen Problemen« (ebd.) konfrontiert. Dass die Polizei an dieser Stelle als Akteurin überhaupt auftritt, liegt dabei einerseits an »d[em] Versagen der medizinisch-psychiatrisch-psychologischen Versorgung« (ebd.), sowie andererseits an den sich zuspitzenden gesellschaftlichen Zuständen, die psychosoziale Krisen hervorrufen, bei gleichzeitiger Abnahme der zur Bewältigung notwendigen Ressourcen (vgl. ebd.).
Warum sich diese Zuständigkeit der Polizei für Menschen in psychosozialen Krisen als problematisch darstellt, hängt unter anderem mit den menschenfeindlichen Einstellungen der Beamt:innen zusammen. Ein »[…] konsistent menschen- und demokratiefeindliches Weltbild [...]« (Anpalagan 2023: 237) kann der im Jahr 2023 erstmals vorgestellten Studie Motivation, Einstellung und Gewalt im Alltag von Polizeivollzugsbeamten – Megavo zufolge, bei Polizist:innen derart oft nachgewiesen werden, dass Polizeigewalt nicht mehr als Einzelfall beschrieben werden könne (vgl. ebd.). Stattdessen hätten Fälle, in denen Polizist:innen durch Körperverletzung im Amt, Rechtsextremismus oder Rassismus auffallen würden, einen strukturellen Charakter (vgl. ebd.: 235). Im Vergleich zu Studien, die menschenfeindliche Einstellungen in der Gesamtbevölkerung erfassen, wird deutlich, dass die Polizist:innen »[…] im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt [...] schlechter ab[schnitten]« (ebd.: 238). Christina Clemm, eine Anwältin für Betroffene sexualisierter Gewalt, beschreibt im Kontext der Hilfesuche ihrer Mandant:innen bei der Polizei den Zustand, dass diese oftmals das Vertrauen in die Institution selbst und damit den Rechtsstaat verlören, wenn sie durch das Handeln der Beamt:innen erfahren müssten, dass diese menschenfeindliche Einstellungen als Handlungsgrundlage haben (Clemm 2023). Stattdessen erfahren die Betroffenen oftmals eine Retraumatisierung, da die Beamt:innen Schutz und Sicherheit für sie nicht gewährleisten: »Zu erleben, keinen Schutz zu bekommen, ist fatal.« (ebd.: 220). Auch im Fall von Maria muss anerkannt werden, dass die Hilfesuche ihres Mitbewohners bei der Polizei die Situation durch deren Einschreiten nicht entschärfte, sondern unsicherer machte – und schließlich tödlich endete. Die Täter:innen bleiben zudem meist ohne Konsequenzen im Amt, Anklagen werden eingestellt (vgl. Christoph/Seydack 2020).
Historische Kontinuität einer menschenfeindlichen Handlungspraxis
Die nachgewiesene Menschenfeindlichkeit im Weltbild der Polizist:innen, das sich direkt auf die Handlungspraxis auswirkt, hat eine historische Kontinuität. Gerade im deutschen Kontext darf die Beteiligung der Polizeien an der Umsetzung der Verbrechen im Nationalsozialismus sowie die strukturellen und personellen Kontinuitäten darüber hinaus nicht vergessen werden (vgl. Starodub 2023: 77f.). Auch wenn eine Gleichsetzung der heutigen Polizeipraxis mit der während der NS-Zeit unangemessen und falsch wäre, muss festgehalten werden, »[…] dass die Mechanismen, die polizeiliches Handeln im Nationalsozialismus antrieben, auch heute noch in Betrieb sind.« (ebd.: 89). Die Beteiligung der Polizeien an der massenhaften, systematischen Deportation und Ermordung von Juden:Jüdinnen, die Erschießung von Hilfeleistungsempfänger:innen oder als »asozial« Markierten wurde als »befehlsentsprechend[e]« (ebd.: 77) Handlung verstanden (vgl. ebd.: 73f.). Gewalt, auch tödliche Gewalt, galt als »juristisch und formal richtig[es]« (ebd.: 75) Mittel, um die soziale Ordnung des NS-Regimes aufrecht zu erhalten und umzusetzen (vgl. ebd.: 73). Kernelement des Verständnisses einer sozialen Ordnung war hier die gewaltsame Herstellung einer sozialen Homogenität (vgl. ebd.: 90). Heute sind die zentralen Aufgaben der Polizeien die Gefahrenabwehr und Herstellung der öffentlichen Sicherheit. »[W]er oder was eine Gefahr ist, interpretiert die Polizei selbst.« (ebd.: 14). Dieses Deutungsmonopol und der Ermessensspielraum für polizeiliches Handeln in Gefahrensituationen ist juristisch abgesichert (vgl. ebd.: 17). Auch im polizeilichen Gefahrenbegriff lässt sich bis heute eine Kontinuität finden: »Sozial deviantes Verhalten wird […] als Vorstufe der Kriminalität interpretiert.« (ebd.: 16). Eine soziale Homogenität wird somit nach wie vor angestrebt. Mit dieser Praxis tragen die Polizeien zu einer Stabilisierung »gesellschaftliche[r] Unterdrückungsverhältnisse« (ebd.: 18) bei, die die Benachteiligung marginalisierter Personengruppen in der Gesellschaft verstärkt. Gerade Menschen mit Suchterkrankung und psychischen Erkrankungen – wie es bei Maria der Fall war – fallen als sozial deviant, also abweichend, auf, sei es, weil sie sich einer gesellschaftlichen Norm nicht anpassen wollen, oder können.
Wer kontrolliert polizeiliches Handeln?
Besorgniserregend ist, dass Polizeien in Deutschland trotz ihrer besonderen Rolle in der Gesellschaft und Gesetzen, die regeln, dass sie Gewalt nach eigenem Ermessen als legitimes Mittel einsetzen dürfen, keinerlei unabhängiger Aufsicht oder Kontrolle unterstehen. Auch wenn möglicherweise tödliche Polizeigewalt nicht gewollt ist, so kann es sein, dass sie doch zumindest im Ermessensspielraum der Polizist:innen als legitimes Mittel zur Gefahrenabwehr eingesetzt wird. Daten über die Anzahl der in Polizeieinsätzen ums Leben gekommenen Menschen werden nicht oder nur unvollständig erfasst (vgl. Anpalagan 2023: 228f.):
»Statistiken über polizeiliche Ermittlungen und gerichtliche Strafverfolgung sind in Bezug auf Fehlverhalten der Polizei in gleich doppelter Hinsicht wertlos: Einerseits werden Straftaten von Polizist:innen nicht adäquat erfasst. Andererseits werden Polizist:innen oft genug nicht verurteilt.« (ebd.: 230).
Genau diese Bedingungen machen eine kritische Gegenöffentlichkeit zu polizeilichen Narrativen notwendig. So dokumentiert beispielsweise die Zeitschrift CILIP Bürgerrechte & Polizei seit 1976 die Hintergründe zu den durch die Polizei verursachten Todesfällen. Auf einer Website von CILIP werden in einer aktuellen Chronik Polizeiliche Todesschüsse dokumentiert, in der Einleitung der Website wird dabei die Aufmerksamkeit auf häufig ignorierte Umstände polizeilicher Gewalt gelenkt:
»So ist etwa von Bedeutung, ob die Getöteten selbst bewaffnet waren, sich womöglich in einer psychischen Ausnahmesituation befanden oder, wie es häufig geschieht, in ihrer eigenen Wohnung erschossen wurden.«
Auch weitere zivilgesellschaftliche Organisationen wie die KOP Berlin – Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt dokumentieren und begleiten Fälle von (tödlicher) Polizeigewalt kritisch. Sie ermöglichen dadurch auch den Umstand von Marias Tod als politisches Problem, eingebettet in einen sozialen Kontext, zu verstehen.
Auch zeigt sich, wie wichtig in solchen Fällen unabhängiger Journalismus und Medienplattformen wie Indymedia – Zusammenschluss unabhängiger Medienorganisationen und Journalist:innen sind, die es aktivistischen Gruppen ermöglichen, eigene Chronologien und Statements zu veröffentlichen und somit zu einer (polizei)kritischen Berichterstattung beizutragen. Dass es wichtig ist, aus einer demokratischen Haltung heraus auch die aktuellen Entwicklungen der polizeilichen Umgangsstrategien mit psychisch auffälligen Personen zu beobachten und journalistisch zu begleiten, wird unter anderem seit den Anschlägen in Magdeburg und Aschaffenburg im Winter 2024/25 deutlich. Denn es findet derzeit eine Qualitätsveränderung von einer »deeskalierende[n] Situationsbewältigung im polizeilichen Alltag [hin zu einer] Früherkennung psychisch auffälliger potentieller Gewalttäter« (Pütter/John 2025) statt, die zu einer weiteren Stigmatisierung psychisch erkrankter und auffälliger Menschen beiträgt (vgl. ebd.).
Alle diese historischen sowie aktuellen Bedingungen bilden auch den Ausgangspunkt für die Notwendigkeit einer kritischen Gedenkkultur und öffentlichen Debatte, die sich mit (tödlicher) Polizeigewalt und den Betroffenen dieser auseinandersetzt. Im Folgenden möchte ich daher näher auf mein Beispiel, das Gedenken an Marias Tod, eingehen.
Wie wurde Marias Tod gedacht?
Kurz nach Marias Tod waren es vor allem die engagierte Nachbar:innenschaft, sowie linke Aktivist:innen und Journalist:innen, die sich mit dem Mord befassten. Denn sowohl in ihrem Kiez als auch in linken Kreisen war sie eine bekannte Person. Auf der Website Anarchist Black Cross Berlin werden gesammelte Informationen zu dem Fall Maria B. zugänglich gemacht, auch, um ein kollektives Mahnen zu ermöglichen:
»Wir, die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, die Nachbar*innen, die Community, haben ein großes Interesse daran, uns an Marias Mord zu erinnern. Uns daran zu erinnern, dass wir als wehrhafte Zivilgesellschaft immer einen genauen Blick darauf haben sollten, was die Polizei macht, wenn sie sich durch unsere Kieze bewegt. Daran, dass es an uns liegt, diese unabhängige Kontrolle der Polizei zu übernehmen, weil niemand anderes das für uns tut.« (Initiative Warum brauchen wir eine Gedenktafel? 2021) (1)
Es gab angemeldete und spontane Kundgebungen und Demonstrationen, die als Räume des Trauerns und Gedenkens vor ihrer Wohnung und in der Umgebung stattfanden (vgl. ABC 2020a). Thema der Veranstaltungen war immer auch die Wut gegenüber der Polizei und ihres mörderischen Handelns. Die Frage nach einem solidarischen Umgang mit Menschen in psychischen Krisen, eine Kritik an dem Status Quo und dem Stigma gegenüber Menschen mit psychischen und Suchterkrankungen. Die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan, die sich in ihrem Buch »Traumaland. Eine Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart« (2025) mit Beispielen deutscher Erinnerungspolitik an die Opfer des Nationalsozialismus befasst, hält fest:
»Die Gegenwehr [gegen rechtsterroristische Gewalt] […] kommt ohnehin in erster Linie aus der Zivilgesellschaft, ebenso wie die Impulse, der Opfer von politischer Gewalt zu gedenken. […] [Die von mir erwähnten Denkmäler stehen], weil Opfergruppen und solidarische Menschen sie jahrelang eingefordert haben.« (Dardan 2025: 65).
Genau diese Impulse für solidarische Gedenkaktionen fanden auch in dem Beispiel von Marias Tod statt. Der öffentliche Raum wurde auch über den Zeitraum der Veranstaltungen hinaus mit dem Mord an Maria konfrontiert. Graffitis mit Sprüchen wie »Rest in Peace Maria« und »Polizei=Mörder« wurden auf der Hausfassade der Grünberger Straße 46 angebracht und markierten somit den Ort des Geschehens (vgl. Christoph/Seydack 2020). Im Mai 2020 wurde die Forderung auf einem Demonstrationsaufruf laut, das Gedenken an Maria dauerhaft im Kiez zu verankern (vgl. ABC 2020b). Im Verlauf des ersten Jahres nach Marias Tod gab es aktivistische Versuche, diese Forderung umzusetzen:
»[Es wurden] bereits vier Gedenktafeln an dem Haus angebracht, in dem Maria zuletzt wohnte und starb. Die Tafeln wurden immer wieder, vermutlich von der zuständigen Hausverwaltung, entfernt und daraufhin erneuert. Anlässlich des Jahrestages ihrer Ermordung haben wir eine Gedenktafel in den Gehweg vor dem Haus eingelassen. Aber auch diese im öffentlichen Raum platzierte Tafel wurde bereits nach zwei Tagen entfernt. Ob von der Hausverwaltung, der Stadt oder der Polizei, wissen wir nicht.« (Initiative Warum brauchen wir eine Gedenktafel? 2021) (1)
Auch in den folgenden Jahren gab es Aktionen, die um den Todestag Marias herum stattfanden (vgl. Solidarische Jugendbewegung/ABC 2021). Die Aktionsformate ähnelten dabei den vorangegangenen. Das Gedenken an sie war stets ein aktiver Prozess, der vor allem im öffentlichen Raum stattfand. Ich schließe mich Dardan an, wenn sie verdeutlicht, dass sie Tode von Menschen »nicht zu bloßen Schaueranekdoten der Geschichte machen [möchte]« (Dardan 2025: 56). Stattdessen hebt sie den Auftrag erinnerungspolitischer Arbeit hervor, die Bedeutung dieser Schicksale für die Gegenwart zu vermitteln (vgl. ebd.: 57, 66). Darum habe ich mich gefragt, wie das Gedenken an Marias Tod heute aussieht. Wird ihrer noch öffentlich gedacht? Wird das Erinnern an ihren Tod mit den Umständen ihres Todes in Verbindung gesetzt? Findet die Debatte über tödliche Polizeigewalt und die Gewalt gegen sozial deviante Personen im Kontext ihres Todes statt?
Wie ist die Situation heute?
Nur wenige Online-Artikel zeugen heute noch von der Tötung durch die Polizei, die sich mitten in Berlin ereignet hat. Auch findet sich ihr Fall bei dem Verein Straßenlärm Berlin e.V. 2024, einem kritischen erinnerungspolitischen Kartierungsprojekt, das sich mit problematischen Gedenkorten in Berlin befasst. Geht man an der Hausfassade des Tatorts vorbei, sind jedoch alle Spuren des Gedenkens, Trauerns und der Wut entfernt. Stattdessen sieht der Hauseingang der Grünberger Straße 46 aus wie jeder andere. Dabei jährte sich der Todestag in diesem Jahr zum fünften Mal. Eine öffentliche Gedenkkundgebung oder -demonstration wurde nicht angemeldet.
Ein dezentrales Gegen-Denkmal für Maria?
Ausgehend von der Notwendigkeit, ein würdiges und dauerhaftes Gedenken an Maria B. umzusetzen, habe ich überlegt, wie ebendies gestaltet werden kann. Dabei habe ich mich an den Überlegungen zu Gegen-Denkmälern von Esther und Jochen Gerz orientiert (vgl. Young 1992).
Gegen-Denkmäler sind als Denkmäler konzipiert, die die Passivität, die konventionelle Denkmäler ihren Betrachter:innen ermöglichen, aufzubrechen versuchen. Eine aktive Auseinandersetzung mit den zu gedenkenden Ereignissen wird angestrebt, sodass die Betrachter:innen zu handelnden Subjekten im Gedenkprozess werden. Grundlegend dafür ist auch die Annahme, dass Denkmäler als bloße Skulpturen im öffentlichen Raum das aktive Gedenken und Auseinandersetzen mit historischen Ereignissen entpolitisieren und verhindern können. Sie symbolisieren mit ihrer statischen Präsenz Wiedergutmachung mit der Geschichte und übernehmen eine Stellvertreterrolle im Gedenkprozess, lösen die Betrachter:innen von ihrer Verantwortung der eigenen Auseinandersetzung mit der Geschichte. Als Bruch mit diesen entpolitisierenden Merkmalen der Denkmalskultur, wurde von Gerz und Gerz in Hamburg-Harburg der Versuch unternommen, ein Denkmal gegen den Faschismus zu installieren, das Interaktion mit dem Publikum evoziert und den eigenen Wandel als Objekt konzeptionell als zentrales Merkmal in den Fokus rückt (vgl. ebd.: 277). Entgegen dem vorherrschenden Anspruch, ein dauerhaftes Denkmal zu erschaffen, kritisieren die Künstler:innen diese Sicht auf Denkmäler und schaffen bewusst ein Denkmal, das verschwindet. Zugrunde liegt die Annahme, dass statische, monumentale Denkmäler – aus dem historischen Kontext ihrer Errichtung gerissen – ihren Auftrag verfehlen. In der Anregung der Öffentlichkeit zu einer eigenen, aktiven Auseinandersetzung mit dem Denkmal, wird jedoch eben diese Öffentlichkeit selbst zur ›Skulptur‹ transformiert, das Gedenken in ihnen und ihren subjektiven Erinnerungen verankert (vgl. ebd.: 278). Somit schafft das Gegen-Denkmal eine aktive Interaktion mit der Geschichte und Erinnerung, die über eine symbolische Ebene hinaus geht.
Wie lassen sich daraus Ideen für ein Gedenken an Maria ableiten?
Neben dem Schauplatz von Marias Tod, ihrem Wohnort, konnte ich in den Artikeln auch herausfinden, dass sie in ihrem Kiez, am Boxhagener Platz und bei ihren Nachbar:innen eine sehr bekannte Person war (vgl. Anonym 2022). Viele Personen scheinen, wie bereits oben erwähnt, an einem dauerhaften Gedenken an sie interessiert zu sein. Nachdem die Gedenktafeln, an der Hausfassade oder in den Gehweg eingelassen, mehrfach entfernt und zerstört wurden, kam ich auf die Idee, ein dezentrales Gedenken an Maria vorzuschlagen. Das Entfernen oder Zerstören würde somit stark erschwert. Ziel ist, das Gedenken an sie in den öffentlichen Raum zu tragen und gleichzeitig mobil zu gestalten.
Um eine aktive Auseinandersetzung mit der Erinnerung an sie hervorzurufen, schlage ich vor, Siebdruck-Motive zu gestalten, die sich Interessierte dann selbst auf (mitgebrachte) Kleidung oder Stoffbeutel drucken können. Das gemeinsame Drucken würde ich auf dem Boxhagener Platz, der ein sehr zentraler und gut besuchter Ort ist, veranstalten. Einerseits würde somit ein Ort bespielt werden, der alltäglicher Bestandteil von Marias Leben war. Weiterhin entsteht durch das Druck-Event an sich die Möglichkeit, viele Menschen vor Ort mit dem Gedenken zu konfrontieren, sie einzubinden und im Zuge dessen über den Vorfall zu informieren.
Das/die Motiv/e für den Siebdruck bestehen aus mehreren Elementen. Zunächst schlage ich vor, ein Motiv aus dem Abbild des Tatortes und dem bisherigen Ort des Gedenkens – der Hausfassade der Grünberger Straße 46 – zu gestalten, sowie weiterhin den in den Artikeln zum Gedenken an Maria oft lesbaren Spruch: »Maria B., Rest in Power!« zu ergänzen. Auf diese Weise wird ein klarer Bezug zu dem Vorfall an sich, sowie der Positionierung darin genommen. Zudem schlage ich vor, dass die Siebdruck-Motive noch mit Slogans, die auf die andauernde Polizeigewalt hinweisen, ergänzt werden können. Durch diese Form des Gedenkens, selbsttätig, an einem öffentlichen Ort und mit anschließenden vielfältigen Motiven, die im öffentlichen Raum getragen werden können, erhoffe ich mir, das aktive Gedenken an Maria zu ermöglichen.
Gallery with 3 images: »Designs für Siebdruckmotive und Sticker«
© Konzept und Design von Ekaterini Elissavet Manias
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© Konzept und Design von Ekaterini Elissavet Manias
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© Konzept und Design von Ekaterini Elissavet ManiasGestützt wird dieses Konzept durch den Text von Benjamin Peterle-Pick (2024: 28) und dessen Überlegungen zu Performanz von Gedenken. Performanz, also der Modus, etwas im Handeln zur Erscheinung zu bringen, sei demnach Voraussetzung, um die Handelnden das Gedenken auch emotional erleben zu lassen (vgl. ebd.). Dies ist meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil des aktiven Gedenkprozesses. Die Menschen, die sich immer wieder aktiv dafür entscheiden, Kleidung oder Stoffbeutel mit dem Gedenkmotiv zu tragen, werden immer wieder an den Grund für das Gedenken erinnert, gegebenenfalls auf das Motiv angesprochen und werden so zu Subjekten des Erinnerungsprozesses. Es können Gespräche entstehen, an verschiedenen Orten und Zeiten, der konkrete Ortsbezug zum Tatort besteht darüber hinaus durch das eigentliche Gedenkmotiv. Ergänzt werden kann diese Aktion durch begleitendes Material. Eine Verteilung der Siebdruck-Motive auch als Sticker wäre dabei zum Beispiel eine Möglichkeit. Eine abschließende Überlegung war es, Dardans Appell, die Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart im Gedenkprozess zu fokussieren, als Anlass zu nehmen, um in Kombination mit dem Siebdruckprojekt auch Spenden zu generieren. Diese Spenden könnten dann beispielsweise an Vereine oder zivilgesellschaftliche Akteur:innen gehen, die sich aktiv für das Gedenken an Menschen einsetzen, die durch die Polizei getötet wurden, Angehörige unterstützen oder Aufklärungsarbeit leisten.
Dieses Projekt ist bisher nur eine Idee. Ich möchte alle Menschen, die den Text lesen, ermutigen, sich aktiv mit dem Mord von Maria B. auseinanderzusetzen und ihrer zu gedenken. Maria, Rest in Power!
Fußnote:
(1) Zur besseren Lesbarkeit wurden in diesem Zitat Tipp- und Schreibfehler korrigiert.
Quellen:
ABC 2020a: Anarchist Black Cross: Vor zwei Monaten wurde Maria B. von Bullen ermordet, 24.03.2020.
ABC 2020b: Anarchist Black Cross: Bericht zum Gedenken an Maria vom 23.05.2020.
Anonym 2022: Anonym: Friedrichshain: Gedenken und Spontandemo für Maria B., die am 24.01.2020 in ihrem Zimmer von Bullen ermordet wurde, vom 01.02.2022
Anpalagan 2023: Stephan Anpalagan: Das Märchen vom Spiegelbild. Warum für die Polizei höhere Anforderungen gelten müssen als für den Rest der Gesellschaft. In: Kleffner, Heike; Meisner, Matthias (Hgg.): Staatsgewalt. Wie rechtsradikale Netzwerke die Sicherheitsbehörden unterwandern. Herder: Freiburg (2023), S. 228-239.
Christoph/Seydack 2020: Maria Christoph, Niclas Seydack: Der Fall Maria: Was (nicht) passiert, wenn Polizisten töten. Erschienen bei Vice Media am 30. Januar 2020.
CILIP Bürgerrechte & Polizei. Zeitschrift, 1976 bis heute.
Clemm 2023: Christina Clemm: Fatale Gleichgültigkeit. Wie das Vertrauen in den Rechtsstaat untergraben wird. In: Kleffner, Heike; Meisner, Matthias (Hgg.): Staatsgewalt. Wie rechtsradikale Netzwerke die Sicherheitsbehörden unterwandern. Herder: Freiburg (2023), S. 216-220.
Dardan 2025: Asal Dardan: Traumaland. Eine Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Rowohlt Verlag: Hamburg (2025).
Initiative Warum brauchen wir eine Gedenktafel? (2021): Eine Gedenktafel für Maria B.!
Joswig 2020: Gareth Joswig: Gedenkdemo für Maria B. | Ermittlungen eingestellt. Erschienen bei der taz am 24. Juli 2020.
KOP Berlin e.V.: Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt.
KOP Berlin e.V. (2020): In Gedenken an Maria – Solidarität mit den Opfern von Polizeigewalt.
Peterle-Pick 2024: Benjamin Peterle-Pick: »...das Gehen, das Sehen, das Erzählen und das Erkennen hängt zusammen.« Stadtführungen zum Nationalsozialismus und Holocaust in Köln. Masterarbeit, Philosophische Fakultät der Universität zu Köln (2024).
Pütter/John 2025: Norbert Pütter, Sonja John: Menschen in psychosozialen Krisen: Verpolizeilichung statt Versorgung. Erschienen als Artikel 137 bei CILIP am 27. März 2025.
Starodub 2023: Alissa Starodub: Ohne Polizei/Gewalt. Kritische Theorie & Praxis sozialer Gerechtigkeit. Mandelbaum kritik & utopie: Wien, Berlin (2023).
Straßenlärm Berlin e.V. (2024): Kritische Erinnerungskultur im Berliner Stadtraum – Unsere Mission.
Solidarische Jugendbewegung/ABC 2021: Solidarische Jugendbewegung | Anarchist Black Cross (ABC): Kundgebung gegen Polizeigewalt und Polizeimorde – Gedenken an Maria. Erschienen bei Indymedia am 14. Januar 2021.
Young 1992: James E. Young: The Counter-Monument: Memory against itself in Germany today. In: Critical Inquiry, Vol. 18, No. 2. The University of Chicago Press. 1992, S. 267-296.