How can voices, critique and emotions resonate across disciplines, generations, and futures? On the occasion of Doris Kolesch's 60th birthday, a symposium titled »Voice – Critique – Emotion« was held at the Institute of Theater Studies at Freie Universität Berlin. The event honored Kolesch's academic achievements, institutional contributions and personal impact. Opening with Steffi Weismann's audiovisual performance »Generation S«, the day combined art, theory and speculative imagination, exploring the interplay of sound, body, and future. The keynote by Rebecca Schneider »Hold it: Before Art at the End of the World« reflected on theatrical temporality as a site of resistance against linear progress narratives, proposing »holding« as a radical gesture. Greetings from institutional representatives emphasized Kolesch's influence on interdisciplinary research and her leadership in collaborative projects. The highlight was the surprise presentation of the festschrift »Stimme – Kritik – Emotion«, featuring contributions from 25 colleagues and companions. Thematically structured around core areas of Kolesch's scholarship – voice(s), performativity, gender and queerness, art and politics, emotion and affects as well as immersion – the volume illustrates the scope and continued relevance of her work. The event functioned as both celebration and intellectual dialogue, embodying the interconnectedness of academic rigor and personal appreciation.
English abstract: Honoring Memory and Future Sounds
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E(h)rinnerungen und Zukunftsklänge (German)
Audiovisuelle In(ter)ventionen – ein sinnlicher Auftakt
Nach einer herzlichen Begrüßung durch die Kuratorinnen des Symposiums, Theresa Schütz und Jenny Schrödl, zugleich Herausgeberinnen der Festschrift, begann der Tag mit einem eindrucksvollen künstlerischen Auftakt: Der Hörsaal verdunkelte sich, und mit Generation S von Steffi Weismann begann eine Performance, die auf reflektionsreiche, poetische Weise Wissenschaft, Kunst und Vision miteinander verknüpfte.
In einem rund zwanzigminütigen Set bewegte sich die Schweizer Künstlerin aufmerksam durch eine audiovisuelle Laborlandschaft. Ihr Forschungsmaterial bestand aus historischen Filmaufnahmen von Erbsenkeimlingen (Secrets of Nature, 1930), aufgezeichneten und live verarbeiteten Stimmen sowie einer Vielzahl materieller und technischer Klangquellen.
Die performative Versuchsanordnung arbeitete auf mehreren Ebenen mit realen und spekulativen Reproduktionsmechanismen und experimentierte mit der Frage: Wie entstehen Körper, Klänge und Bedeutungen – durch natürliche Prozesse, durch technische Apparate oder kulturelle Wiederholung? Kann man Bedeutung wirklich greifen – oder nur ins Schwingen bringen?
Auf einer hintergründigen Leinwand flimmerten Zeitrafferaufnahmen sprießender Pflanzenranken, die sich um eine gespannte Wachstumsorientierung aus Draht wanden. Weismann vertonte die filmische Sequenz mit dem zerrenden Klang von mikrophonstreichelnden Kupferdrähten. Die filmische Bewegung wanderte zu im Wind wehenden Blütenköpfen, deren abrupte Neigung von Weismann durch Nies-Geräusche synchronisiert wurde – eine akustische Intervention, die humorvolle Animismusfantasien hervorrief und Assoziationen an Alices Wunderland-Erfahrung weckte.
Eine Kinderstimme betrat den Klangkörperraum: »Wie die Welt jetzt ist – Vor- und Nachteile.« In ruhigem, selbstbewusstem Ton entfaltete sich eine Zukunftsidee, in der Roboter Brot backen, damit Bäcker*innen länger schlafen können. Zwischen Fürsorgegedanken und Effizienz zeichnete sich hier eine technohumane Utopie ab, in der Fortschritt nicht als Bedrohung, sondern als Entlastung erscheint.
Weitere Versuchsabschnitte der Performance fragten, wie sich das Unsichtbare in sinnliche Erfahrung übersetzen lässt oder wie Organisches medial geformt wird. Die Künstlerin massierte ein stählernes Wollknäul mit ihren nackten Füßen. Zugleich rauschte eine bassbetonte Aufnahme von menschlichen Hirnströmen über die Lautsprecher. Zusammen mit den behutsam erzeugten Reibungsgeräuschen entstand eine dichte, wechselwirkende Wellenatmosphäre.
Auch Weismanns eigene Stimme mischte sich als facettenreiche Klangquelle gezielt in die audiovisuelle Montage ein. Ihr Einsatz reichte weit über die Übermittlung sprachlicher Zeichen hinaus und fokussierte sich auf die Darstellung organischer Prozesse im Spannungsfeld technisierter (Re-)Produktion. Über Mikrophone wurden verbale Vibrationen als akustische Texturen freigelegt oder ausgeatmete Luft – kanalisiert durch einen Strohhalm – als sprudelnde Seifenblasen sichtbar.
Im Zusammenspiel von Aufbau und Auflösung sammelten sich materielle und ideelle Momente, die Bedeutungen nicht fixierten, sondern in Schleifen hervorbrachten, überlagerten und in Frage stellten. So entstanden mikrophonierte und mikroskopierte Zukunftsszenarien, die die Grenzen zwischen Menschen, Natur und Maschine nicht markierten, sondern als symbiotische Polyphonie erfahrbar machte.
Diese Performance setzte nicht nur einen sinnlichen, sondern auch einen nachdenklich stimmenden Rahmen für den Tag – ein Plädoyer für das offene Denken und die Verschränkung von Wissenschaft, Körperlichkeit und spekulativer Vorstellungskraft.
How do we go forward from here? – Eine diskursive Resonanz
Nach der intensiven, sinnlichen Erfahrung schaltete sich Rebecca Schneider, Professorin im Fachbereich Moderne Kultur und Medien (Brown University) über einen Livestream mit der Keynote Hold it: Before Art at the End of the World zum Symposium hinzu. Mit der Ausgangsfrage: »How do we go forward from here?« griff Schneider einen Gedanken auf, welcher im Anschluss an ihren Vortrag Reenact: Performing in Between Times (2017) von Doris Kolesch selbst geäußert wurde. Dramaturgisch erwies sich diese Bezugnahme als anerkennende Geste und würdigende Weiterführung von Koleschs Denkimpulsen. Ist Fortschritt eine Richtung – oder eine Haltung? Schneider formulierte eine antwortende Reflexion über den theatralen Raum und dessen Potenzial, lineare Zeitmodelle und Fortschrittsnarrative als liminales Innehalten zu unterwandern und zu unterbrechen.
Den Ausgangspunkt bildete die Annahme, dass Theater nicht zwangsläufig einer linearen Fortschrittsidee folgt, sondern im Gegenteil Bewegungen entschleunigen, verschieben oder sogar anhalten kann. Dieser Gedanke wurde mit Paul Klees Gemälde Angelus Novus, das in Walter Benjamins Lesart als rückwärtsblickender Engel der Geschichte berühmt wurde, auf eine assoziative Vergleichsebene gehoben. In dieser Figur sah Schneider ein Sinnbild für das Theater: Ein que(e)rer Blick durch den Raum, der sich der Vorwärtsbewegung widersetzt.
Dieser theatrale Raum, so Schneider, sei als »progress machine« über das illusionäre Darstellen hinaus dazu befähigt, ganze Welten zu erschaffen. Aufbauend auf Stimmen und Diskurse aus den Black Studies kennzeichnete Schneider dieses Potenzial des Theaters als die Möglichkeit, das Ende der Welt – wie wir sie kennen – zu denken: Nicht als Apokalypse, sondern als Ablehnung hegemonialer Ordnungen.
Schneider beließ den formulierten Lösungsansatz nicht bei einer abstrakten Idee, sondern präsentierte im zweiten Teil des Vortrags eine Bewältigungsstrategie, die sich unter anderem von Suzan-Lori Parks Theaterstück The Death of the Last Black Man in the Whole Entire World inspirieren ließ. Besonders eindrücklich war Schneiders Analyse der letzten Zeile: »Hold it, hold it, hold it« – ein Imperativ, der sich sowohl auf das Anhalten des Spiels als auch auf das Festhalten am Schmerz, an der Geschichte, an der Verantwortung bezieht.
Diese Aufforderung, »zu halten«, wurde bei Schneider als theatrales Gegenmodell zur westlichen Fortschrittslogik gedeutet: ein Innehalten am »bitteren Ende«, ein Nicht-Weitergehen, indem gleichzeitig ein »anderes Gehen« denkbar wird. Denn was wäre, wenn dieses Ende kein Abschluss, sondern ein Übergang ist? Und: – um den Gedankenkreis wieder zu schließen – Wie können wir von hier aus weitergehen?
Schneiders Antwort formulierte keine lineare Lösung, sondern eine Einladung zum »Halten«, zum Verharren am Rand, zur radikalen Reflexion der Grundlagen. Eine Bewegung nach vorne könne – wenn überhaupt – nur aus dem Anhalten heraus entstehen.
Wertschätzung und Glückwünsche – Stimmen aus der Institution
Auf die beiden Gastbeiträge folgten Grußworte von Günter M. Ziegler, Präsident der Freien Universität Berlin, und Camilla Bork, Geschäftsführung des Instituts für Theaterwissenschaft.
Günter M. Ziegler eröffnete mit einem augenzwinkernden Zitat aus Peter Handkes Publikumsbeschimpfung und bekannte sich gleich zu Beginn als Gast in einem Raum, der nicht der seine sei – dem Raum der Theaterwissenschaft, in dem er, wie er sagte, »nichts sagen könne, was nicht schon gesagt wurde«.
In diesem Sinne waren die folgenden Worte Koleschs Engagement aus institutioneller Perspektive gewidmet. Ihr Beitrag zur Lehre und Forschung sowie zur hochschulpolitischen Landschaft spiegelt sich besonders in Verbundprojekten wie dem Graduiertenkolleg InterArt, der Graduate School of East Asian Studies, den Sonderforschungsbereichen Kulturen des Performativen, Intervenierende Künste und Affective Societies und dem Exzellenzcluster Temporal Communities wider.
Sein Resümee wandte Ziegler persönlich an Kolesch, nicht in Form eines Abschlussworts, sondern als Wunsch: für Gesundheit, weitere Schaffenskraft und auch Zeit jenseits des Schreibtisches »oder auf anderen Bühnen«.
Camilla Bork gratulierte als Kollegin und Mitveranstalterin des Symposiums Doris Kolesch im Namen des Instituts für Theaterwissenschaft, dankte für ein herzliches, aufgeschlossenes, wissenschaftliches Miteinander und würdigte Koleschs souveränen Umgang mit institutionellen Herausforderungen. Aus ihrem kollegialen Verhältnis als Musikwissenschaftlerin heraus lobte Bork besonders Koleschs interdisziplinäres Interesse an einer »klang- und hörinteressierten Theaterwissenschaft«, dass zwischen den Fächern eine »liebgewonnene Nachbarschaft« entstehen ließ.
Feierlicher Ein- und Ausblick – Die Übergabe der Festschrift
Im Nachklang der wertschätzenden Worte richtete sich die Aufmerksamkeit auf den Höhepunkt der Veranstaltung: Die Übergabe und Vorstellung von Stimme – Kritik – Emotion. Eine Festschrift für Doris Kolesch. Die Publikation gliedert sich in die thematischen Abschnitte Stimme(n), Performativität, Gender & Queerness, Kunst & Politik, Emotionen & Affekte und Immersion. Diese fünf Felder spiegeln zentrale Themenbereiche wider, die Kolesch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit, unter anderem im Rahmen der vielfältigen Forschungsverbünde, wesentlich mitgeprägt hat und weiterhin mitgestaltet. Die Beiträge von 25 Kolleg*innen und Weggefährt*innen – viele davon erfreulicherweise persönlich anwesend oder digital dazugeschaltet – zeichnen nicht nur ein intellektuelles Porträt, sondern weben ein dichtes Netz des Nach- und Weiterdenkens, das disziplinäre wie generationelle Grenzen überspannt. Die Vielfalt der Perspektiven von Hörkunst über Literatur- und Tanzgeschichte bis zu feministischer Performance und Affekttheorie verdeutlicht die Reichweite und Relevanz von Koleschs Werk.
Der Dank an die Fördernden, das Institut, die beteiligten Sonderforschungsbereiche, die Ernst-Reuter-Gesellschaft sowie an Matthias Naumann und Claudine Oppel vom Neofelis Verlag machte deutlich, wie viele Stimmen an der Entstehung der Festschrift beteiligt waren – ein kollektives Geschenk für eine außergewöhnliche Persönlichkeit.
Insgesamt umfasste die Veranstaltung nicht nur eine Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen und des persönlichen Einsatzes von Doris Kolesch, sondern auch eine inhaltlich gelungene und stimmige Feier. Die Verbindung von performativen Beiträgen, theoretischer Reflexion und institutioneller Anerkennung ergab ein ausgewogenes Programm, in dem ihre fachliche Strahlkraft ebenso sichtbar wurde wie die persönliche Verbundenheit, die sie in ihrem beruflichen Umfeld über viele Jahre aufgebaut hat.
Bericht von Anna Drößler